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Unterwegs in Borgata

  • maikebuchholz
  • 22. Feb.
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 23. Feb.

Seit einigen Wochen habe ich mir angewöhnt, nach dem Mittagessen noch eine halbe Stunde spazieren zu gehen. Motiviert haben mich Artikel, laut denen es der Gesundheit auf das Äußerste zuträglich sein soll, sich direkt nach dem Essen ein bisschen zu bewegen. Ich würde auch gerne auf der Couch liegen, dazu gibt es leider keine passenden wissenschaftlichen Aufsätze. Aber ich bin ja lernfähig und mittlerweile freue ich mich über die kleinen Gänge durch unser Viertel. In der Tasche habe ich immer 1,20 Euro für einen Caffè an der Theke (und nicht einen Cent mehr….damit ich ja nicht in Versuchung komme, etwas für Canolli oder andere leckere Teilchen auszugeben).

Geht man gegen halb Zwei am frühen Nachmittag los, hat sich Stille über die Stadt gesenkt. War am Vormittag noch Trubel und Palaver an allen Ecken und Kreuzungen, und bestand die Stadt zu dieser Zeit aus Autolärm, Gehupe und vibrierender Aktivität, ist um diese Uhrzeit erstaunlicherweise Ruhe. Wenn die Sonne scheint, gehe ich gerne erst einmal durch eine der anliegenden Straßen bergab, also etwa die Via Isonzo oder Via Bainsizza. Da praktisch niemand auf der Straße ist, nehme ich nicht den Bürgersteig, sondern marschiere mitten auf ihr, mit Sonnenwärme auf Kopf und Gesicht, und laufe den Berg hinunter. Ich könnte zum kleinen Hafen gehen, aber der ist zur Zeit nicht so attraktiv, da dort Baustellenatmosphäre herrscht. Ich beschließe für heute, die große Runde zu drehen und am Santa Lucia Platz eine Kaffeepause einzulegen. Große Runde heißt, noch mal nach rechts abzubiegen bis zur Hauptstraße, der Viale Cadorna. Habe ich die erreicht, gehe ich wieder links in Richtung Stadt, vor allem, um das große Wasserleck zu besichtigen, das dort seit einigen Wochen zu sehen ist. Aus einem Haus an der Ecke zur Via Caltanissetta strömt unablässig kostbares Wasser auf die Hauptstraße, um in einem der Gullys ungenutzt in die Kanalisation zu entschwinden. Kein kleines Rinnsal, sondern ein richtiger Bach, der aus dem Haus läuft. Was für eine Verschwendung, denkt mein strenges Ich jedes Mal, wenn ich daran vorbeilaufe. Niemanden scheint es zu kümmern, obwohl auch Siracusa in den warmen Monaten über den Wassermangel und die daraus resultierende schlechte Wasserqualität stöhnt. Aber, oh Wunder, als ich heute vorbeilaufe ist die Straße trocken, kein Tropfen mehr zu sehen. Halleluja, es geschehen noch Zeichen und Wunder. Zwei Ecken weiter biege ich wieder nach links in die Via Agrigento, wo ich dann doch einigen Menschen begegne. Die heimische Truppe der örtlichen Trinker reckt ebenfalls die Gesichter in die Sonne, in der Hand dazu eine große Flasche Bier der Marke „Dreher“. Diese gibt es in der praktischen 0,66 Liter Flasche und sorgt in Kombination mit der Wärme – Nomen-est-Omen – sicherlich für die gewünschten Umdrehungen. Wir nicken uns kurz zu. Wir sind jetzt lange genug in Borgata unterwegs, dass man sich wenigstens vom Sehen her kennt.

Auf meinen Spaziergängen sehe ich mir die alten Häuser genauer an, ein bisschen Verfall ist (fast) überall zu sehen. Bröckelnder Putz, Risse in den Mauern, marode Fenster. Manche sehen aus, als wenn sie in Kürze noch einmal tief durchatmen und dann in sich zusammenfallen.

Viele Einwohner nutzen die Sonnenseite der Häuser, um ihre Wäsche an der frischen Luft zu trocknen, hier muss man sich beeilen: Ist die Sonne weg oder fehlt Wind, ist es schnell zu kalt und zu feucht und es dauert ewig, bis alles trocken ist. Zumal die Wohnungen innen drin im Winter schon mal ein bisschen klamm werden können (für euch getestet). Es gibt viele Wohnungen, die zumindest im Erdgeschoss über keine Fenster verfügen. Will man natürliches Licht haben, muss man die Haustür öffnen. Dahinter habe ich schon Küchen gesehen und Familien, die zu mehreren in solchen, außer meiner Sicht, prekären Verhältnissen leben. Auf der anderen Seite: Bevor ich gar keinen Platz habe….

Im Sommer hat das dann aber auch einen Vorteil – in den Wohnungen ist es angenehm kühl.

Steineichen
Steineichen

Es zieht mich nun weiter zum Platz an der Santa Lucia Kirche. Der Platz ist sonntags Marktplatz und unter der Woche ein Refugium. Umsäumt von Steineichen, die viel Schatten spenden, bietet er Bänke zum Sitzen und den Blick auf eine Palme, die ungefähr in der Mitte des Platzes steht.

Palmenausblick
Palmenausblick

Hier mache ich Rast und trinke einen Espresso im Agoracafé, wo um diese Zeit wenig Betrieb herrscht. Die paar Leute, die dort sitzen, sind ruhig, müde und genießen ihre Pausenzeit. Die einzige Unterhaltung liefert Papagei Lula, der seit vielen Jahren sein Leben in einem mittelgroßen Käfig fristet und vielleicht aus Langeweile ein paar Worte Italienisch gelernt hat. „Come stai“ krächzt er oder auch „Ciao Bella“ – allerdings bin ich noch nicht in den Genuss einer Ansprache gekommen. Meine Versuche, mit ihm ins Gespräch zu kommen, hat er bislang geflissentlich ignoriert. Ich wünsche mir, dass meine Zeit mit ihm noch kommen wird.

Meine Pause neigt sich dem Ende zu. Langsam schlendere ich Richtung Via Monfalcone, vorbei an der Bar „Serafino“, wo wir am Morgen immer einen Cappuccino trinken und dem freundlichen Bäcker Salvo in seiner Backstube dabei zusehen, wie er Blätterteig herstellt, aus dem dann wunderbares Gebäck in süß und herzhaft wird. Wenn er gerade aus dem Fenster schaut, winke ich ihm beim Vorbeigehen immer zu und er winkt zurück. Eine freundliche Geste, wir sind quasi Nachbarn. Wenige Meter weiter bin ich wieder zurückgekehrt in das Zauberhaus, verabschiede mich beim Reingehen und sage: „Ci vediamo, Borgata“





 
 
 

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