top of page

Parlami d’amore und andere sizilianische Begebenheiten

  • maikebuchholz
  • 15. Feb.
  • 5 Min. Lesezeit
Himmel über Ortigia
Himmel über Ortigia

Valentinstag 2026, ein Tag, dem man hier in Siracusa nicht aus dem Weg gehen kann. Kaum eine Schaufensterauslage, die sich nicht dekorativ dem Thema nähert, ganz zu schweigen von den vielen Ständen an allen Straßenecken, die Blumen verkaufen, z.B. eine Riesenrose für 7 Euro und anderen gefühligen Nippes in Form von Herzen aus Plastik, Herzen als Kissen, Herzen als Wandgehänge, Herzen als Luftballons. Der Fantasie und Geschmacklosigkeit sind keine Grenzen gesetzt. Beim Samstagmorgen-Spaziergang nach Ortigia versuche ich Kolja zu romantischen Bemerkungen zu verführen oder ihn – in sicherlich scherzhafter Weise - zu einem Valentinsgeschenk zu animieren. Erwartungsgemäß bekomme ich als Lohn einen Mini-Vortrag über spätkapitalistische Konsumkultur. Und ich weiß: Recht hat er. Und bis wir Siracusa entdeckten, hat dieser Tag in unserem Leben so gar keine Rolle gespielt. Vor zwei Jahren haben wir das erste Mal den Tag ein bisschen zelebriert und das machen wir dieses Jahr auch wieder. Das uns nun schon sehr liebe Orchestra Barocca Siciliana veranstaltet einen Konzertabend im Grand Hotel „Villa Politi“ im Norden unseres Viertels unter dem Titel „Sprich mir von Liebe“, und eine Opernsängerin wird Lieder aus dem letzten Jahrhundert zum Besten geben. Danach gibt es ein Vier-Gänge-Menü und auch darauf freuen wir uns schon. Es gibt keine freie Platzwahl, Luca, Chef des OBS, platziert die Gäste mit Bedacht: Da wir Ausländer sind, kommen wir an einen Tisch mit anderen Stranieri. Wir sind gespannt, wen wir da heute kennenlernen werden.


Doch zuerst nutzen wir den Tag mit frühsommerlichen Temperaturen und Sonnenschein für die übliche Tour zum Markt, zum Frühstück bei Paola, unserer Lieblingswirtin und dann zum Lungomare, der Flanierroute am Meer. Ich könnte stundenlang dort sitzen und anlasslos auf das Wasser schauen. Die Sonne ist lieb zu meiner Haut, es fehlt ihr (noch) die verletzende Strahlkraft des Sommers und ich aale mich in der angenehmen Wärme. Schließlich drängt Kolja zum Aufbruch, wir müssen noch zum Käsehändler Fabio, die Vorräte für’s Wochenende aufstocken.

Fabio, der Käsemann unseres Vertrauens
Fabio, der Käsemann unseres Vertrauens

Ich liebe seinen Laden, der kaum größer als eine Nusschale ist. Längst sind wir dort zu Stammkunden aufgestiegen und überhaupt gehört man bei Diskussionen und anderen wichtigen Unterhaltungen als freiwilliger und unfreiwilliger Zuhörer unbedingt immer mit dazu. Das ist etwas, was ich an der Kultur hier so liebe. Es wird alles erzählt und verhandelt. Heute ist ein Ehepaar vor uns dran, zwei verhutzelte Menschen, das Gesicht voller Falten, die von dem harten Leben auf Sizilien berichten. Die Frau mit dem schönsten weißen Haar, das ich je gesehen habe, erzählt Fabio gerade eine wichtige Geschichte über irgendetwas aus ihrem Leben. Ich rate mehr, als das ich verstehe, worum es geht, aber ich beobachte sehr genau, wie respektvoll Fabio und seine Angestellten ihr zuhören und liebevoll und warmherzig antworten und reagieren. Ihr Mann versucht derweil, Fabios Hündchen „Pepe“ zum Quatsch zu verleiten. Ab und an blicken die beiden sich zu Kolja und mir um und tun so, als ob unsere Meinung wichtig und vonnöten sei. Wir lächeln vorsichtig und nicken mit dem Kopf, sie lächeln ebenfalls, so ganz kann das also nicht falsch gewesen sein. Schließlich kommen sie mit ihrer Erzählung zum Ende und kaufen, passend zum Tag, in Herzform erstellte und mit frischem Ricotta gefüllte Ravioli. Die beiden haben heute auch was zu Feiern. Beim Rausgehen tätschelt die alte Dame mir liebevoll den Arm und ich fühle mich sehr dazugehörig.

Nun sind wir dran. Fabio und wir haben ein gemeinsames Thema: Calcio Siracusa, die Fußballmannschaft. Heute Abend ist das Derby gegen Catania und er versucht uns zu überreden, doch noch ins Stadium zu gehen. Wir haben selbst ein paar Tage zuvor schon festgestellt, dass wir beim Kauf der Tickets für den Abend an San Valentino das zeitgleiche Fußballspiel übersehen haben, und uns ein bisschen geärgert. Aber was hilfts. Fabio geht natürlich hin – soll er für uns stellvertretend die Daumen drücken. Aber vorher kosten wir wieder, heute ein Olivenöl, dass er von irgendeinem Bauern in der Nähe bezieht. Er meint es sei „spettacolare“ und Recht hat er. Wir können uns nicht erinnern, jemals so ein leckeres Olivenöl geschmeckt zu haben. Sofort kaufen wir eine kleine Flasche und als wir zu Hause die Einkäufe verstaut haben, beschließen wir spontan, weitere zu erwerben und mit nach Hause zu nehmen. Wir haben uns vor einigen Wochen schweren Herzens entschlossen, mit dem Flugzeug nach Hause zu kommen und jeweils 32 Kilogramm Gepäck angemeldet, da wird es Platz für Öl und andere Spezereien geben. Fabio ist ein bisschen verwundert, packt aber insgesamt 5 Liter für uns ein und wir bekommen zudem einen ordentlichen Mengenrabatt. Meine Mutter würde jetzt sagen: „Haken dran“.


Für den Abend haben wir uns für unsere Verhältnisse herausgeputzt. Ein Abend im Kronleuchter-Saal mit festlich gedeckten Tischen braucht die entsprechende Bekleidung. Als wir aus dem Haus treten und kaum die nächste Ecke erreicht haben, von der man das Stadion sehen kann, brandet Jubel auf. Siracusa ist aus dem Häuschen, Siracusa hat den Ausgleich gegen den Erzrivalen aus Catania erzielt und gleich darauf startet ein Feuerwerk, als wenn sie 10:0 gewonnen hätten. Ein bisschen tun wir so, als ob das Lichterfest zu unseren Ehren veranstaltet wird.

Nach einem kurzen Spaziergang durch die heute laue Nacht erreichen wir das Hotel und werden von Luca, dem Organisator, und seiner Frau mit dem Ausruf „I Signori Buchholz“ begrüßt, und es schmeichelt ungemein, dass sie sich an uns erinnern und unseren Namen kennen.

Sie zeigen uns, an welchem Tisch sie uns platziert haben - nach Sektempfang und Smalltalk nehmen wir Platz und stellen fest, dass wir den Abend in Gesellschaft von vier maltesischen Paaren verbringen werden. Sie haben sich ausnahmslos in Schale geworfen, zwei der Männer tragen sogar Smoking und wirken ein bisschen overdressed. Wie ich von meinem Platznachbarn erfahre, sind sie häufig in Siracusa, mit dem Flieger sei es kaum mehr als eine halbe Stunde, mit dem Katamaran eine. Sie sind alle wohlsituiert – ohne mit der Wimper zu zucken, bestellen sie auf eigene Rechnung einen anderen Wein als den im Menü angebotenen, weil der ihnen nicht schmeckt (und Recht haben sie), ganz selbstverständlich werden wir bei der Verkostung mit einbezogen, wie schön und aufmerksam ist das. Während des kulturellen Teils der Veranstaltung sind sie nicht so aufmerksam, wie das die gute Sängerin verdient hätte. Das Paar neben uns – sehr junge Dame neben väterlich anmutendem Partner – schaut auf dem Handy Fußball und freut sich, dass Liverpool das Spiel mit 3:0 gewinnen wird. Der Mann im Smoking neben ihr sieht zwischendurch so aus, als ob ihm durch den Gesang Gewalt angetan würde, vielleicht hat er aber auch nur Zahnschmerzen. Es ist nicht zu übersehen, dass er und seine Frau Gebisse von Karl Lauterbachscher Qualität haben, zusätzlich noch einige Lücken. Vielleicht gibt es auf Malta keine Zahnärzte, wer weiß. Oder das Budget fließt in Schönheitsauffrischungen. Es ist unverkennbar, dass Lippen, Augenbrauen und sonst was schon die ein oder andere Behandlung für nachhaltige Veränderungen hinter sich haben. Jünger macht das jedenfalls nicht. Aber das sind Äußerlichkeiten. Sie sind alle lebenserfahrene Menschen, ihr Alter liegt zwischen 60 und 80 Jahren und sie sind heiter, freundlich und trinkfest. Wir haben zusammen einen außergewöhnlich netten und schönen Abend.

Gegen halb zwölf spazieren wir nach Hause, dankbar für ein bisschen Bewegung nach so viel opulentem Essen und Trinken. Falls wir im kommenden Jahr wieder hier sind, sind wir wieder dabei.


 
 
 

Kommentare


bottom of page