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Abschluß einer wunderbaren Reise und eine Lektion, die es in sich hat

  • maikebuchholz
  • 23. März
  • 4 Min. Lesezeit

Wieder da und noch nicht angekommen. Kennt ihr das? Wir sind wieder in Krefeld, doch das Herz, vielleicht auch meine Seele sind noch in Siracusa. In den ersten Tagen nach unserer Rückkehr hat es nachts geregnet und ich bin aufgeschreckt und habe mich gefragt, ob das Fenster im Bad zu sei. Falls nicht würde es rein regnen. Es dauerte ein paar Augenblicke, bis ich realisierte, dass das nicht passieren würde, wir haben in Krefeld keine Deckenfenster, durch die der Regen platsch, platsch, auf den Holzboden fallen würde. Auch mit der Zeit komme ich nicht zurecht. Da Krefeld westlicher liegt als unsere Herzensheimat, ist es hier abends bereits deutlich länger heller. Mein Geist ist verwirrt und mein Körper bringt das auch nicht überein. Halb sieben, der Mann steht in der Küche und bereitet das Abendbrot vor, und ich denke verwundert, dass es doch noch mitten am Nachmittag ist. Ein Blick auf die Uhr bestätigt jedoch: 18:37 Uhr. Alles merkwürdig.

Beim Schwimmen gehen ertappe ich mich, wie ich die Augen schließe und mir vorstelle, dass ich im alten, runtergekommenen Schwimmbecken hoch über der Stadt von Syrakus meine Bahnen ziehe. Ich beschließe, dass es so nicht weitergehen kann. Ich möchte einen Schlusspunkt setzen und gehe in Gedanken noch mal zurück zum letzten Tag, der nicht nur aus elend langer Rumsteherei am Flughafen bestand, sondern auch aus Packen, Abschiedscappuccini, Umarmungen und einer Lektion für mich. Ein letztes Mal standen wir im Serafino an der Theke und holten uns neben Kaffee auch noch eine Portion Sympathie und Wohlwollen ab.

Sogar Salvo, der Bäcker, verließ seine Backstube, um uns zu umarmen und obligate Küsse auf beiden Wangen zu verteilen. Letzte Worte mit Lilli und Vanessa, dann schnell zurück ins Haus – wir beschlossen, noch mal neu zu packen. Gebucht waren für jeden von uns ein Koffer mit maximal 32 Kilo und wir sind unsicher, ob das reicht – die ganzen Fressalien, die wir erstanden haben, schlagen ganz schön zu Buche. Also leerten wir die beiden Koffer und Kolja holte die Personenwaage, die wir auf dem Flohmarkt gekauft hatten, aus dem Bad und dann ging es los. Er stellte sich auf die Waage und nahm jeweils einen der zurecht gelegten Stapel auf die Arme. So ermittelten wir nach und nach das Gewicht und lagen damit schlussendlich gar nicht so schlecht. Später am Flughafen zeigte die Waage bei meinem Koffer 30,9 Kilo an und bei Koljas großer Reisetasche 33,5 Kilo (es gibt übrigens keine Kulanz, wir mussten den Beutel mit Walnüssen, gerösteten Mandeln und Pistazien rausholen, damit die Obergrenze von 32 Kilo eingehalten wurde, langatmig leierte die Mitarbeiterin am Desk uns die Bestimmungen von Eurowings runter, immerhin auf Italienisch, das machte es ein bisschen interessanter).

Aber nochmal ein kleiner Zeitsprung zurück in die Via Monfalcone: Es ist halb Zwölf. Klamotten und Olivenöl und Würste und Nüsse und Schinken sind verstaut. Da kommt eine Nachricht von Marilena, unserer Vermieterin, die uns mitteilt, dass sie unglücklicherweise nicht noch einmal vorbeikommen und uns zum Bahnhof bringen kann, wie das geplant war. Sie hängt in Noto, einer Stadt westlich von Siracusa fest, weil der Elektriker, der ihr in der dortigen Ferienwohnung etwas reparieren soll, sich verspätet hat. Das heißt für uns jetzt ein Taxi aufzutreiben, das uns rechtzeitig zum Bahnhof bringen kann. Hm, ich überlege eine Weile und dann fällt mir ein, dass ich vor drei Jahren einen netten Taxifahrer hatte, mit dem ich über WhatsApp verbunden bin. Ich erinnere, dass er damals sehr zuverlässig und pünktlich war und so schreibe ich ihm. Nach einigen Minuten meldet er sich zurück, kann sich ebenfalls noch an mich erinnern und sagt zu, uns um halb Zwei abzuholen.  Die nächsten anderthalb Stunden ziehen sich quälend lang, es ist diese Zwischenzeit, wo nichts mehr zu tun ist, wo man am liebsten losfahren würde, es aber noch zu früh ist. Schweigend sitzen wir auf der Couch und hängen unseren Gedanken nach.

Kurz vor halb Zwei platzieren wir uns an der Tür und halten Ausschau nach Giovanni Maltese. Hm, ein Auto nach dem anderen fährt an unserem Haus vorbei, nichts zu sehen von einem Taxi. Nun geht der Minutenzeiger der Uhr auf einmal schnell: halb zwei, fünf nach halb. Ich werde nervös. So kenne ich das gar nicht von ihm, 13:37 Uhr schreibe ich ihm eine Nachricht: Wo bleibst du?  - Schnell meldet er sich, er sei praktisch „in arrivo“ – so viel wie „schon fast da“. Zwanzig vor zwei, nichts zu sehen von Giovanni und nun rufe ich ihn an. Ich bin sauer, in einer halben Stunde geht unser Zug und bei dem Verkehr, der aufgrund der vielen Baustellen herrscht, werden wir schon ein Weilchen bis zum Bahnhof brauchen. Er versichert mir, in einer Minute da zu sein und so ist es dann auch. Mühsam unterdrücke ich meinen Zorn auf ihn und stutze, als ich ihn aus seinem Auto steigen sehe. Er bewegt sich mühselig, ist unsicher auf seinen zwei Beinen und überhaupt nur ein Schatten seiner selbst. An beiden Beinen trägt er eine Art Orthese. Er ist noch schlanker, als ich ihn in Erinnerung habe, seine Stimme klingt brüchig, allein seine Augen leuchten mit der Freundlichkeit und Fröhlichkeit, die ihn normalerweise ausmacht. Er ist gelassen und versichert, dass wir den Zug sicherlich erreichen werden, eigentlich fährt er um diese Tageszeit nicht, er macht dann eine längere Pause, aber als er meine Nachricht erhielt, wollte er mir sehr gerne den Gefallen tun. Ich habe einen Kloß im Hals – er sieht nicht so aus, als ob er noch viel fährt, er muss Schmerzen bei jedem Schritt, bei jedem Druck auf das Gas- oder Bremspedal haben. Ich frage ihn, was passiert sei und er berichtet von einem schlimmen Unfall, den er vor einigen Monaten gehabt habe. Er hat lange im Krankenhaus und zu Hause gelegen und versucht nun, mit Physiotherapie im wahrsten Sinne des Wortes auf die Beine zu kommen.

Ich schäme mich gehörig, warum nur habe ich mich innerlich so wegen der paar Minuten aufgeregt und ihn mit meinen Nachrichten unter Druck gesetzt, war das nötig? Nein, war es sicherlich nicht. Er fährt langsam und vorsichtig und wir sind 10 Minuten vor Abfahrt des Zuges am Bahnhof. Wir verabschieden uns herzlich und ich wünsche mir, dass er mir die (kleine) Standpauke nicht übelnimmt.

Als wir in Düsseldorf gelandet sind und ich das Handy wieder anmache ist die erste Nachricht, die ich bekomme von ihm: „Maike, è stato un piacere rivederti“ – „Maike, es war ein Vergnügen, dich wiederzusehen“.

Was für ein Geschenk zur Ankunft in Deutschland.

 

 

 

 
 
 

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