Heimkommen
- maikebuchholz
- 27. Juli
- 4 Min. Lesezeit

Sonntagnachmittag – wir fahren gerade mit dem Bus vom Bahnhof zur Krefelder Wohnung und meine Laune wird minütlich schlechter. Grauer Himmel, leichter Sprühregen und Gesichter, bei denen einem das Herz schwer wird. Ich schaue Kolja an und sehe, er denkt
dasselbe: Was sollen wir hier? Was wollen wir hier? Hinter uns liegen drei Tage Siracusa.
Donnerstag
Die Reiselust kribbelt durch mich hindurch wie Brausepulver. Es geht los, wir fliegen für ein langes Wochenende nach Sizilien. Mit tatsächlich leichtem Gepäck und großer Vorfreude machen wir uns auf den Weg zum Flughafen. Einchecken, Platz nehmen, alle sind an Bord.
Der Pilot begrüßt uns und teilt mit, dass wir warten müssen. Jemand hat mehrere Gepäckstücke eingecheckt, ist aber selbst nicht in die Maschine gestiegen.
Nun müssen die Koffer wieder ausgeladen werden. Das wird etwa dreißig Minuten dauern. Ich nutze die Zeit und frage mich, warum jemand so etwas macht.
Schließlich geht es los. Zweieinhalb Stunden später landen wir in Catania. Während die meisten Passagiere ihre Flugangst mit Applaus wegklatschen, fange ich an zu weinen.
Ich bin zu Hause, mein Herz fühlt sich groß an. Rot. Weit. Damit habe ich nicht gerechnet.
Draußen, auf dem Weg zum Busterminal umfängt uns die Hitze. Es ist halb acht Uhr am Abend und über 30 Grad. Vom Etna ist vor lauter Dunst nichts zu sehen, der Schweiß bildet einen Film auf unserer Haut. So stelle ich mir Lava vor, die langsam den Berg hinunterrinnt.
Im Bus nach Siracusa kühlen wir uns ab. Die Klimaanlage läuft und ich genieße den Blick auf die vertraute Landschaft. Marilena wartet bereits bei der Unterkunft auf uns und zeigt uns unser Zimmer für die kommenden drei Tage. Unsere Energie reicht an diesem Abend noch für einen Besuch im U Caruso, unserer Lieblingspizzeria. Kurz nach elf heißt es Licht aus, Klimaanlage an.

Freitag
Der nächste Tag bringt uns einen weiteren Vorgeschmack auf den sizilianischen Sommer. Obwohl wir schon um kurz nach neun unterwegs sind, empfängt uns heißer Wind. So schleichen wir von Schattenplatz zu Schattenplatz zu unserem Lieblingscafé in Ortigia. Paola, die Besitzerin freut sich uns zu sehen und wir freuen uns auf das Frühstück bei ihr. Joghurt, frisches Obst und eine Granita zum Niederknien. Bislang habe ich diese immer verschmäht – das gesundheitsbewusste Ich tadelte: zu viel Zucker!
Jetzt probiere ich es doch und bin augenblicklich schockverliebt: Blutorangensaft, Ingwer und etwas Zimt mit gestoßenem Eis.
Anschließend schleppen wir uns durch das sonnendurchflutete Ortigia bis zu dem kleinen Strand, wo es wunderschöne und uralte Bäume gibt, die nicht nur Schatten spenden, sondern auch scheinbar ihre Kraft weitergeben.
Keine zwei Minuten später bin ich im Wasser. Bislang kenne ich das Meer hier nur aus den Wintermonaten. Und mehr als einen Zeh, hat es nicht gebraucht, um festzustellen, wie kalt es ist. Jetzt gehe ich leichten Fußes hinein. Das Wasser ist klar und zu meinen Füßen sehe ich hunderte von kleinen Fischen, die sich von uns Schwimmern nicht stören lassen und unbeirrt ihre Kreise ziehen.
Über mir zieht unaufhörlich ein Hubschrauber seine Kreise. In der Bucht liegen Militärboote, daneben die Humanity 2.
Aus der Strandbar dringt „Every breath you take“ herüber, „I’ll be watching you“. Für einen Moment wirkt alles seltsam widersprüchlich. Urlaub, Krieg, Musik, Rettung, Sonne. Und die Menschen neben mir reden einfach weiter über das Abendessen. Das Leben macht keine Pause.
Zu den italienischen Wortfetzen, die ich aufschnappe, gesellen sich noch allerlei europäische Sprachen, hier im Wasser treiben wir alle im selben Meer.
Nach einer halben Stunde schaue ich nach Kolja. Der erklärte Wasserverächter, sitzt bei den Zauberbäumen, liest und verscheucht kleine Fliegen, die es auf seine Beine abgesehen haben.
Ich meditiere ein bisschen und tanze in Gedanken mit Freunden einen Reigen der Unbeschwertheit und schicke dann meinem Freund Fabio, unserem Käsemann, eine SMS, ob er uns zwei Plätze zum Mittagessen freihalten kann. Es ist schön zu wissen, dass es hier in Siracusa Leute gibt, die sich ehrlich freuen, wenn wir wiederkommen.

Fabio begrüßt uns wie man in Italien alte Freunde begrüßt: eine herzliche Umarmung und zwei Küsse auf die Wangen.
Sofort erzählt er von der Hochzeit am Vorabend, für die er 65 Personen bekocht hat, und zeigt stolz Videos und Bilder. Nach wenigen Minuten sind wir auf dem neuesten Stand.
Dann bestellen wir: Pasta und frittierten Fisch – und als Vorspeise stellt er uns ungefragt Käse, Wurst, Oliven und getrocknete Tomaten aus seinem Laden auf den Tisch. Alles köstlich. Alles wie immer. Von mir aus dürfte jeder Tag so aussehen. Zum Caffè spazieren wir anschließend zu unserer Stammbar. Auch dort werden wir begrüßt, als seien wir nie fort gewesen. Salvo, mein Lieblingsbäcker füllt uns zwei Canolli mit Ricotta und wir schwelgen in Genuss.
Wann habe ich das zuletzt in Krefeld erlebt, ich kann mich nicht erinnern.
Es ist kurz nach drei, die Straßen sind wie ausgestorben und auch wir sehen zu, dass wir zu unserer Unterkunft gelangen. Die Hitze lähmt das Körper und Kopf. Kaum angekommen lassen wir uns aufs Bett fallen und verbringen den Nachmittag lesend und dösend.
Als wir uns gegen 19:00 frisch gemacht und schick gekleidet zum Hochzeitstagsbummel aufmachen sind wir überrascht: Die Luft ist deutlich kühler geworden und wir schlendern gemächlich wieder Richtung Ortigia. Jetzt erwacht die Stadt wieder zum Leben es ist jetzt deutlich belebter als am Mittag. Auf dem Domplatz spielt Live-Musik, Menschen sitzen draußen, Kinder rennen über den Platz. Wir trinken ein Glas Wein und ich fühle mich schon erholt, wie nach einer Woche Urlaub.
Es tut gut, hier zu sein. Alles ist vertraut. Nichts fühlt sich fremd an.

Kurz vor neun Uhr machen wir uns auf den Weg zum Le vin de l’assassin – einem unserer Favoriten unter den vielen Restaurants, die es hier gibt. Als wir ankommen, ist es brechend voll. Gut, dass wir reserviert haben.
Arnaud, der wuselige Kellner, erkennt uns wieder und darauf bilden wir uns ein bisschen was ein. Das letzte Mal waren wir vor sechs Monaten hier, haben mit ihm geplaudert und offensichtlich einen Eindruck hinterlassen. Wir sitzen in der schmalen Gasse, essen, beobachten Menschen und lassen den Abend langsam dunkel werden.
Wir feiern heute nicht nur unseren 23. Hochzeitstag. Wir feiern Siracusa. Wir feiern die Menschen, die uns jedes Mal das Gefühl geben, willkommen zu sein.
Und wir feiern, was sich nicht mehr wie Ankommen anfühlt, sondern wie Heimkommen.



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