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Feuer, drei Tage und 10 Minuten

  • maikebuchholz
  • 20. Aug.
  • 8 Min. Lesezeit

Tag 1 – Feuer, Hitze und zehn Minuten Haare

Am vergangenen Mittwoch schwimme ich mit einem Freund im kleinen Kaarster See, meinem Lieblingsplatz in diesem Sommer. Auf einmal rieche ich verbranntes Holz. Ich halte inne, schnuppere, suche den Himmel nach Rauchzeichen ab. Mein Mitschwimmer nimmt es nicht wahr. Ich versuche, die Richtung des Geruchs auszumachen, aber es gelingt mir nicht. Also zucke ich mit den Schultern und ziehe weiter meine Bahnen.

Abends lese ich, dass es entlang der Bahnstrecke, an der auch der See liegt, brennt. Mehrere Feuerwehren aus den umliegenden Gemeinden sind im Einsatz, doch das Feuer lässt sich nicht so einfach löschen. Immer wieder gibt es neue Glutnester. Dann lese ich die Meldung der Bahn: Der Regionalexpress von Krefeld nach Köln fällt aus.

Das lässt mich aufmerken. Am Freitag will ich nach Bremm an der Mosel fahren. Dort treffe ich mich mit meiner Freundin Angela. Wir haben in diesem Frühjahr zusammengesessen und festgestellt, dass wir beide gerne schreiben – und vor allem, dass wir gerne lesen, was die andere schreibt. Was liegt also näher, als es einmal miteinander zu versuchen? Ein Wochenende lang gemeinsam schreiben. Da könnte ein Buch draus werden.

Ich behalte die Nachrichten über die Löscharbeiten im Auge und entscheide mich schließlich, ein Auto zu mieten. Zum einen ist es heiß, sehr heiß, und die Vorstellung, mit Gepäck in überhitzten Regionalzügen mehrfach umzusteigen, ist nicht besonders verlockend. Zum anderen ahne ich noch nicht, dass das Feuer mich auch an der Mosel begleiten wird.



Am Freitag sind es während der Fahrt nach Rheinland-Pfalz 36 Grad. Im klimatisierten Auto ist das auszuhalten. Draußen dagegen sieht die Landschaft aus, als hätte sie schon lange genug von diesem Sommer. Das Land ist ausgetrocknet. Der Mais steht kümmerlich auf den Feldern, die Wälder entlang der Strecke haben sich bereits verfärbt. Ich überlege, ob ich einen solchen Sommer schon einmal erlebt habe. Mir fällt keiner ein. Seit Mitte Juni ist es mit wenigen Unterbrechungen heiß. Der Kaarster See hat mich in diesem Sommer so oft gesehen und begrüßt wie noch nie.

Ich war noch nie in diesem Teil Deutschlands und bin überrascht, wie schön es hier ist.

Idyllisch. Zumindest auf den ersten Blick.

Als ich aus dem gekühlten Auto steige, taumele ich ein bisschen. Selbst der kurze Weg zur Ferienwohnung „Resi“ ist eine Anstrengung. Ich schließe die Haustür auf und fasse nach dem metallenen Türknauf – und zucke sofort zurück. Er ist so heiß, dass man ihn kaum anfassen kann.

Drinnen ist es angenehm kühl. Die Besitzer haben alle Rollläden heruntergelassen. Das hält die Hitze draußen, leider auch die schöne Fernsicht.

Ich packe aus, was auszupacken ist, und kurze Zeit später kommt Angela aus Saarbrücken an. Wir sitzen in der Küche, trinken Kaffee und schauen uns an.

Wie wird das wohl werden?



Wir haben uns vorgenommen, die nächsten Tage gemeinsam an unserer Idee vom Buch zu arbeiten. Aber noch wissen wir nicht, ob und wie das gelingen kann. Gemeinsam schreiben klingt zunächst einmal schön. In der Praxis kann das auch ziemlich anstrengend sein.

Angela hat eine Unmenge an Literatur mitgebracht. Wir einigen uns schließlich darauf, uns an einer Schreibübung von Doris Dörrie zu versuchen: Ein Thema auswählen, zehn Minuten schreiben und anschließend vorlesen.

Zehn Minuten. Okay. Ob das funktioniert? Wir lassen es auf einen Versuch ankommen. Doris Dörrie macht praktischerweise Themenvorschläge. Wir entscheiden uns, über „Haare“ zu schreiben.

Der Timer wird gestellt.

Ich muss gar nicht lange überlegen. Die Worte kommen einfach. Wort für Wort, Satz für Satz. Ich schreibe und schreibe und merke irgendwann, dass ich viel persönlicher werde, als ich es eigentlich vorhatte. Angela sitzt mir gegenüber und auch sie ist versunken in ihren Ideen.

Und plötzlich ertönt irgendwo eine Sirene. Wir hören die Feuerwehr. Irgendwo gibt es ein Feuer, irgendwo brennt es. Ein paar Minuten später ist wieder Ruhe.

Wir lesen uns unsere Texte vor. Und dann passiert etwas, womit ich nicht gerechnet habe:

Es fließt und wir merken, dass wir uns einander auf eine Weise zeigen, wie vielleicht noch nie zuvor.

Nach jedem Text geben wir einander sorgfältiges,  konstruktives Feedback. Wir lachen, staunen, fragen nach. Und ganz allmählich entsteht etwas zwischen uns, das sich anders anfühlt als vorher. Wir kennen uns schon lange. Aber durch das Schreiben zeigen wir uns auf eine neue Art.

Später, als wir uns fertig machen für den Spaziergang zum Restaurant, sehen wir die leichten Rauchschwaden über den Bergen. Es brennt schon wieder. Und als wir im Garten des Bistros sitzen, hören wir wieder die Sirenen.



Es ist ein merkwürdiger Gegensatz: Draußen Hitze, Feuer, Rauch und Feuerwehr. Drinnen sitzen wir mit unseren Texten und schreiben über Haare, Erinnerungen, Dinge, die uns berühren. Vielleicht ist genau das Schreiben: für eine Weile einen Raum schaffen, in dem etwas anderes möglich ist, obwohl die Welt draußen weitergeht.

Wir machen mit dem nächsten Thema weiter. Und noch einem. Die Zeit verfliegt. Als wir weit nach Mitternacht ins Bett gehen, bin ich müde, aber auf eine gute Art.

Wir haben einen Kern geschaffen, mit dem wir weiterarbeiten können.

Und vielleicht ist das Schönste daran: Wir wissen jetzt, dass wir tatsächlich gemeinsam schreiben können.



Tag 2 – Ausblick, Überblick und eine fremde Zuhörerin

Um viertel vor acht schlurfe ich verschlafen in die Küche. Angela sitzt schon seit einer Weile dort und genießt die Aussicht aus dem Fenster. Ich mache uns einen Kaffee und setze mich zu ihr.

Wie schön es hier am frühen Morgen ist. Die Sonne steigt auf, noch ist es angenehm mild. Aber der angekündigte nächste Hitzetag steht bereits in den Startlöchern.

Wir sind beide noch beseelt von den gestrigen Schreiberfahrungen. Etwas hat sich in Gang gesetzt, und wir wollen den Schwung nutzen.

Für heute haben wir uns den Bremmer Calmont vorgenommen, eine spektakuläre Aussichtsstelle hoch über der Mosel. Die Idee: Wir nehmen unsere Schreibwerkzeuge einfach mit und schreiben dort weiter. Angela hat Stift und Papier dabei, ich mein iPad. Mal sehen, was uns der Ausblick diktiert.

Ganz so einfach wie gedacht ist der Weg allerdings nicht.

Das Navi meines Autos führt uns zunächst in die Irre. Wir parken schließlich an einer Waldhütte und laufen ein paar hundert Meter den Berg hinunter bis zu einer Stelle, an der ein Schild auf den Höllensteig hinweist. Die Online-Karte sagt: 3,8 Kilometer bis nach oben.

Bergauf. Wir schauen uns an und sind spontan erschöpft.

Es ist erst kurz nach elf, aber die 30-Grad-Marke ist bereits überschritten. Also zurück zum Auto und noch einmal nachdenken. Wir befragen ChatGPT und siehe da: Es gibt weiter oben eine Zufahrt. Über eine Schotterpiste kann man ziemlich nah an den Aussichtspunkt heranfahren. Von dort sind es nur noch etwa 15 Minuten zu Fuß durch den Wald.



Das letzte Stück gehen wir durch den kühlen Wald, zusammen mit zahlreichen anderen Menschen. Der Ausblick scheint viele anzuziehen. Wir sind froh, dass wir es doch so einfach haben – und stellen kurz darauf mit trockener Kehle fest, dass wir ausgerechnet etwas Wichtiges vergessen haben. Wasser.

Auf dem Gipfel angekommen, kümmert Angela sich praktischerweise um die Versorgung mit zwei großen Flaschen. Ich gehe schon einmal vor zum Aussichtspunkt.

Und dann verschlägt es mir den Atem.



Unter uns liegt die Moselschleife. Fährschiffe und Ausflugsboote ziehen ihre Bahnen und winden sich um die Kurve. Weinberge, Wald und Himmel gehen ineinander über. Die Hitze ist für einen Moment vergessen.

Ein Tisch ist frei. Wir lassen uns nieder und schauen auf die Weite vor uns.

Dann schauen wir uns an. Wir wissen es sofort. Hierrüber schreiben wir.

Jetzt. Zehn Minuten.

Ich öffne mein iPad, Angela nimmt Stift und Papier. Der Timer wird gestellt. Und los geht es.

Wieder passiert das Gleiche wie am Vortag: Die Worte kommen. Fast von allein. Wir schreiben und schreiben und merken irgendwann kaum noch, dass um uns herum andere Menschen sitzen.

Nur die Frau am Nebentisch scheint sich für uns zu interessieren. Immer wieder schaut sie herüber. Zwei Frauen, die mitten an einem Aussichtspunkt sitzen und konzentriert schreiben, sind offenbar ein ungewöhnlicher Anblick.

Der Timer klingelt. Wir legen unsere Schreibsachen aus der Hand und beginnen vorzulesen.

Diesmal haben wir das Thema „Ausblick – Überblick“ gewählt. Und wieder sind wir selbst überrascht von dem, was auf dem Papier steht. Die Texte treffen uns. Sie berühren etwas, das in uns selbst gerade in Bewegung ist.

Wir geben uns Feedback, vorsichtig und aufmerksam. Suchen nach den richtigen Worten. Fragen nach, staunen, lachen.

Und wieder spüren wir:

Das ist es. Miteinander schreiben.

Dann steht die Frau vom Nebentisch auf. Sie ist mit ihrem Mann unterwegs. Wir sehen, dass sie zögert. Sie schaut noch einmal zu uns herüber, überlegt – und kommt schließlich auf uns zu.

Sie bedankt sich für das Vorgelesene. Dann legt sie eine Hand auf ihr Herz und sagt, dass es sie sehr berührt habe.

Für einen Moment sind wir sprachlos.

Wir schauen uns an und klatschen uns ab.

Wir sind stolz. Unsere Worte sind bei einer völlig fremden Frau angekommen. Das war streng genommen unsere erste Lesung mit Publikum.

Dann bekommt Angela eine SMS von einer Freundin aus Saarbrücken. Die Bewohner ihres Stadtteils sind aufgefordert worden, die Fenster geschlossen zu halten. Der Brand im Hohen Venn sorgt für so viel Rauch, dass die Auswirkungen bis ins Saarland reichen.

Auf dem Rückweg zum Parkplatz sehen wir die Landschaft plötzlich mit anderen Augen. Die Bäume und Gräser entlang des Weges sind strohtrocken. Alles wirkt, als würde es auf einen Funken warten. Wir schütteln die düsteren Gedanken ab.

Zurück in der Ferienwohnung machen wir erst einmal ausgiebig Siesta. Danach setzen wir uns wieder an unsere Texte. Der Nachmittag vergeht so schnell, dass wir fast erschrecken, als wir auf die Uhr schauen. Kurz nach sechs.



Für sieben Uhr haben wir einen Tisch in der Pizzeria reserviert, eine Straße unterhalb unserer Ferienwohnung.

Fix geduscht und frisch gemacht, schaffen wir es pünktlich dort zu sein.

Kein einziger Gast ist zu sehen. Die Kellnerin sitzt auf dem Freisitz und räumt ein paar Gläser weg. Sie schaut auf und fragt: „Haben Sie reserviert?“

Später, nach dem Essen, sind wir immer noch die einzigen Gäste auf der Außenterrasse und müssen darüber lachen.

Überhaupt hat dieser Abend etwas Skurriles: eine Pizzeria namens „Restaurant König“, die außerdem Wein und Honig verkauft.

Der Tag klingt aus mit einer letzten Schreibübung auf dem Balkon unserer Ferienwohnung.

Dann ertönt wieder eine Sirene. Und diesmal wiegt sie uns tatsächlich in den Schlaf.



Tag 3 – War’s das?

Am Sonntagmorgen sind wir wieder sehr früh auf den Beinen, der Blick aus dem Küchenfenster lockt uns zu Kaffee und Fernsicht.

Zum Schreiben kommen wir heute nicht mehr. Vielleicht liegt es daran, dass wir beide wissen, dass unser Wochenende zu Ende geht. Vielleicht sind die vielen Eindrücke der letzten beiden Tage einfach noch zu präsent.

Unsere Sachen sind schnell gepackt. Viel ist es nicht, was ich wieder ins Auto trage. Ein paar Kleidungsstücke, mein iPad – und meine Texte.

Angela nimmt ihre handgeschriebenen Blätter mit.

Es sind unsere ersten Texte. Jeder für sich geschrieben und doch auf eine besondere Weise gemeinsam entstanden.

Am Freitag wussten wir noch nicht, ob wir tatsächlich miteinander schreiben können. Jetzt ist das keine Frage mehr.

Wir verabschieden uns vor der Ferienwohnung. Dann fahre ich los.

Bald liegt Bremm hinter mir. Die Mosel verschwindet aus dem Rückspiegel, die Straßen werden breiter, die Weinberge weniger und irgendwann bin ich wieder auf der Autobahn.

Ich schalte das Autoradio ein.

Nachrichten.

Ich höre nur mit halbem Ohr zu, bis ich plötzlich aufmerksamer werde.

Es geht um den Brand im Hohen Venn. Das Feuer auf der belgischen Seite ist noch immer nicht gelöscht.

Ich muss an die vergangenen Tage denken. An die Rauchschwaden über den Bergen. An die Sirenen in Bremm. An die Nachricht aus Saarbrücken.

Und an den Kaarster See, an dem alles angefangen hat – mit dem Geruch von verbranntem Holz, der mit diesem Feuer nichts zu tun hatte und mich doch auf dieses Wochenende eingestimmt hat.

Zwei verschiedene Brände. Und doch bleibt mir das Feuer als eines der Bilder dieses Wochenendes im Kopf. Ich fahre weiter und denke an Angela, an unsere Texte und an diese zehn Minuten, die längst vorbei sind und trotzdem noch nicht aufgehört haben.

 

 
 
 

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