Für einen Abend - Sizilien liegt in Papenburg
- maikebuchholz
- 23. Aug.
- 6 Min. Lesezeit

Die Sehnsucht nach Italien, nach Sizilien lässt Kolja und mich auch in diesem Jahr nicht los. Erst die vielen Wochen im Winter in Siracusa, dann der Wochenendtrip zu unserem Hochzeitstag und nun ergibt sich an einem Sommerabend im August eine weitere Gelegenheit dieses Gefühl von Heimweh zu stillen.
Bei unseren vergangenen Aufenthalten haben wir viel im Radio und im Internet nach italienischer und sizilianischer Musik geforscht und schließlich hat Kolja „Unavantaluna“ gefunden, eine Band, deren Musiker aus Sizilien stammen und traditionelle Musik mit moderneren Einflüssen mixen. Wir finden sie schon beim ersten Hören erstaunlich und seitdem begleiten sie uns immer wieder.
Kolja hat die Band immer im Blick und gesehen, dass die Musiker in diesem Sommer durch Deutschland fahren und mehrere Konzerte geben. Wir checken die Daten und Möglichkeiten und entscheiden uns für ein Scheunenkonzert in Papenburg. Dort waren wir noch nie und es ist relativ gut mit der Bahn zu erreichen.
Und so geht es an diesem Samstag kurz vor neun Uhr los. Über die Bahn brauche ich mich auf dieser Reise nicht aufzuregen: Trotz dreimaligem Umsteigen, treffen wir auf die Minute pünktlich in Papenburg ein.

Das schafft Raum sich unterwegs die Landschaft entspannt und interessiert zu betrachten. Es ist dort im Emsland ähnlich flach, wie bei uns am Niederrhein und doch ist es ganz anders. Die Wolkenspiele sind viel dramatischer als hier in Krefeld, der Himmel erscheint mir weiter. Außerdem ist es viel grüner, hier scheint es in den vergangenen Wochen mehr Regen gegeben zu haben – es fehlen die verbrannten Felder und Gärten und der Mais macht hier einen besseren Eindruck als bei uns.

Als wir in Papenburg ankommen, ist es noch zu früh für das Einchecken im Hotel, Hunger haben wir auch und so machen wir einen ersten Bummel durch’s Städtchen auf der Suche nach einem kleinen Mittagsmahl. Hübsch ist es, die Stadt wird durchquert von einem Kanal, und bekannt ist der Ort vor allen Dingen für die große Meyer-Werft, wo Kreuzfahrtschiffe gebaut und nach der Fertigstellung mit großem Tamtam zum Meer überführt werden. Dafür bleibt jedoch keine Zeit. Was auffällt, die meisten Besucher Papenburgs haben das Rentenalter schon erreicht und sind mit Fahrrädern und Funktionskleidung unterwegs. Kolja und ich senken den Altersdurchschnitt dramatisch.
Das Zentrum ist schnell erkundet, alles sauber und proper und ein bisschen langweilig. Es fängt an zu regnen, wir flüchten in ein Einkaufszentrum um die Ecke und gönnen uns eine Portion Pommes und Kaffee, warten das Wetter ab und machen uns dann auf den Weg zum Hotel, wo wir noch ein Schläfchen machen, bevor wir uns auf den Weg zur Scheune machen, wo die Musik um 17:00 Uhr losgehen soll.
Schon bei der Planung war klar, ohne Auto kommt man nicht zum Veranstaltungsort, der JWD (janz weit draußen) außerhalb von Papenburg auf einem sozialen Ökohof liegt. Dort gibt es Hühner, eine Backstube, Gemüsebeete und Gewächshäuser, ein Café und bietet Menschen mit Beeinträchtigungen eine bezahlte Beschäftigung.
Also Taxi.
Gegenüber vom Hotel gibt es einen Taxistand, dort steht auch eines, allerdings verwaist. Kein Fahrer in Sicht. Ich rufe an und nach wenigen Minuten kommt der Fahrer angerannt, er scheint in der Nähe zu wohnen soviel Kundschaft gibt es anscheinend nicht.
Wir kramen die Adresse des Hofes raus, unser Fahrer hat noch nie von dem Hof gehört – das Navi hilft. Die Fahrt zieht sich, der Taxameter klickt unaufhörlich, 20 Minuten später und 30 Euro teuer erreichen wir das Ziel, es ist viertel nach vier und wir sind fast die ersten Besucher und erregen ein bisschen Aufsehen – wer kommt denn hier mit dem Taxi? Wir irren ein bisschen auf dem Gelände herum, es ist nichts ausgeschildert, und dann hören wir Musik – da hinten muss es sein.

Und in der Tat, dort sitzen drei Musiker, die ihre Instrumente stimmen und den Ton einstellen. Sie schauen uns an, so als wollten sie sagen:“ Was machen die denn schon hier?“
Ich versuche mit einem Augenzwinkern die ungestellte Frage auf Italienisch mit „Siamo presto“ - „Wir sind bereit“ zu beantworten. Ich bin stolz, dass mir das sofort eingefallen ist.
Fünf Minuten später fällt mir ein, dass das natürlich falsch war. Wir sind zwei, es hätte also „Siamo presti“ heißen müssen.
Die Scheune fasst etwa 100 Sitzplätze, das wird also ein kleines, fast intimes Konzert werden. Dann tauchen mehrere Leute auf, die die Kasse einrichten und einen improvisierten Getränkestand.
Wir kommen ins Gespräch, trinken ein alkoholfreies Bier aus der Gegend und alle sind interessiert und erstaunt, dass wir den weiten Weg von Krefeld hierhin auf uns genommen haben. Eine Frau mischt sich lachend ein und meint: „Ich glaube ihnen kein Wort“ – ich gehe auf ihr Spielangebot ein und antworte vergnügt: „ Wer weiß…..“
Man kann sich hier wohlfühlen, wir kennen das noch von Besuchen bei Koljas Eltern, die eine Zeitlang im Emsland gewohnt haben, erst ziemlich wortkarg und auf ein „Moin“ beschränkt sind die allermeisten Emsländer aufgeräumte, gesellige Typen, die, so scheint es uns, Sinn für Humor haben.

In der Scheune sitzen wir erst bescheiden in der zweiten Reihe, dann schaue ich Kolja an und sage, warum machen wir das? Ein bisschen möchte ich ja auch filmen, also trauen wir uns und sitzen schön mittig mit Beinfreiheit und idealem Blick auf die Bühne. Nach und nach füllen sich die Sitzreihen und dann geht es auch schon pünktlich um fünf Uhr los. Die Managerin der Band eine Deutsche hält eine kurze Eröffnungsrede und erzählt ein bisschen was zu den Liedern und nimmt dann neben mir Platz.
Vom ersten Ton an erliegen Kolja und ich den Klängen von Mandoline, Gitarre, sizilianischem Dudelsack und Flöte. Mal melancholisch, mal temperamentvoll. Ich lehne mich zurück und genieße, schließe die Augen und bin sofort wieder in Siracusa. Ich sitze bei Tony und Maria auf der Piazza Euripide und schmecke den Apericena, sehe das Meer, wie es sich leicht im Wind kräuselt und vergesse völlig die Kälte, die die Scheune einnimmt.
Mein Lieblingslied „Pi suppramari“ erklingt und ich bekomme überall Gänsehaut. Wie gut, dass wir den weiten Weg gefahren sind, selten hat mich ein Konzert so berührt, die zwei Stunden gehen viel zu schnell vorbei. Kolja und ich sind beseelt, Sizilien war hier und wir haben es gespürt.
Und es kommt noch besser.
Wir stehen draußen vor der Scheune und ich bin schon dabei das Taxi für die Rückfahrt nach Papenburg zu rufen, als der nette Getränkeverkäufer auf uns zukommt und sich als Organisator des Konzertes entpuppt. Er bietet sich an uns mit seinem Auto zurück in die Stadt zu bringen. Wir sind baff und nehmen zu gerne an. Während der Fahrt erzählt er von seiner Kulturarbeit und wir erfahren, dass Unavantaluna im selben Hotel wie wir untergebracht sind. Na, da sehen wir sie vielleicht ja noch mal beim Frühstück. Mit der Managerin war ich in der Pause ins Gespräch gekommen und hatte sie mit Informationen zum Krefelder Folklorefest versorgt.

Als wir aussteigen, gibt es eine sehr herzliche Verabschiedung und wir laufen noch ein paar Minuten zu dem griechischen Restaurant, dass wir uns für diesen Abend ausgesucht hatten. Auch hier: Nette Leute, die uns einen Tisch im eigentlich vollen Raum ermöglichen, leckeres Essen und wir reden viel über die gehörten Lieder, die netten Musiker ach und überhaupt fühlen wir uns wie Glückskinder, dass wir so etwas Schönes erleben. Wir laufen auf dem Weg zum Hotel wieder am Kanal entlang, schön ist das, Wasser, es ist frisch draußen, aber nicht mehr so kalt wie in der Scheune.
Am Sonntag sind wir um halb neun frühstücksbereit und laufen die zwei Etagen von unserem Zimmer bis zum Frühstücksraum und siehe da, zu unserer Freude sitzt der Sänger bereits am Fenster und trinkt Kaffee. Ich fasse mir ein Herz und rufe ein lautes Buon giorno in seine Richtung. Er lächelt, erkennt uns wieder und grüßt freundlich.
Wir versorgen uns mit Brot und Belag, trinken Kaffee und ich versuche nicht dauernd rüber zu seinem Tisch zu schielen. Und das muss ich auch gar nicht. Auf einmal steht er neben unserem Tisch und bedankt sich für den Besuch am gestrigen Abend, ich versichere, das die Freude auf unserer Seite ist und dass es für uns ein sehr besonderer Abend gewesen ist. Er lächelt und wir plaudern noch ein bisschen. Ich frage ihn, ob Unavantaluna vielleicht im Winter, wenn wir dort sind, Konzerte auf der Insel gibt. Er meint, dass könne er jetzt noch nicht sagen, im übrigen würden sie alle in Rom wohnen.
Als er wieder zu seinem Tisch geht, schaue ich Kolja an: Was für ein liebenswerter und bescheidener Mensch und so ein großartiger Künstler.
Später, wir sind gerade am Empfang und zahlen unsere Rechnung, kommt er wieder vorbei, nimmt noch einmal meine Hand und verabschiedet uns mit „Ci vediamo il anno prossimo“ – „Wir sehen uns wieder im nächsten Jahr“.



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