Es geht los, es geht los - und warum die Nazis mit „Last Christmas“ zu tun haben
- maikebuchholz
- 29. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit

26.12.2025 – eine unruhige Nacht liegt hinter mir und Kolja, und vor uns die scheinbar ewig lange Reise nach Sizilien. „Lang ersehnt, heiß erfleht“. (Wer errät aus welchem Schlager diese Worte stammen, gewinnt nach unserer Rückkehr ein leckeres Abendbrot!!). Vor dem Aufschlagen auf sizilianischem Boden warten zwei Tage Bahnfahrt auf uns, die wie gehabt ein bisschen rumpelig starten.
Der Zubringerzug, der uns von Krefeld nach Köln bringen soll, hat an diesem Tag entweder Verspätung (die wir uns nicht leisten können) oder fällt aus (Grr….). Also beschließen wir, Krefeld mit der Straßenbahn zu verlassen und den ICE nach München bereits in Düsseldorf zu entern.
In Düsseldorf bleibt Zeit für einen Kaffee in einem Laden namens „pret a manger“ – klingt gut, ist aber nur ein zugiger und ungeheizter Imbiss. Immerhin, der Kaffee schmeckt, und während Kolja sich noch fix eine Zeitung holt, sinne ich darüber nach, ob es nicht doch besser gewesen wäre, die „dicken“ Schuhe mitzunehmen statt der Barfußschuhe, die ich seit knapp einem Jahr bevorzugt trage.
Weil wir eh schon so viel Gepäck mit schleppen, hatte ich auf Botten für die Füße verzichtet. Wenn ich mir unseren Koffer und Reisetasche so anschaue, könnte man vermuten, dass wir auswandern. Ich fröstele ein bisschen und lenke mich ab, in dem ich über die aus den Lautsprechern schallende Musik nachsinne.
Es sind die immer gleichen Lieder, die zuverlässig jedes Jahr ab Anfang Dezember aus jedem Geschäft und Radio laufen: „All I want for Christmas is you“, „Last Christmas“, „Do they know it’s Christmas“ und „Driving home for Christmas“. Kolja ist inzwischen wieder mit neuer Lektüre in den Händen zurückgekehrt und ich erzähle ihm von meiner Beobachtung. Er meint trocken, daran seien die Nazis schuld. Er erklärt mir, dass die Nationalsozialisten den Versuch unternahmen, das Christliche aus dem Weihnachtsfest zu tilgen und mehrere Lieder unters Volk brachten, wo zwar unter anderem von der „Hohen Nacht der klaren Sterne“ gesungen wurde, das Wort Christ oder Heilige Weihnacht jedoch unbedingt vermieden worden sei.
Und wenn man sich das Pop-Liedgut von heute anhöre, könnte man doch zu der Überzeugung gelangen, dass die Nazis gewonnen hätten. Da geht’s nur noch um individualistisches Glück wie bei Mariah Carey oder Last Christmas von Wham. Bevor ich dazu eine eigene Meinung entwickeln kann, müssen wir aufbrechen zu Gleis 16, wo der Zug nach München einlaufen wird.

Die weitere Reise bis zur bayrischen Landeshauptstadt verläuft geräuschlos und ruhig, wir gehören zu den 75% der Züge, die über die Feiertage den Fahrplan eingehalten haben. Mit ein bisschen Mühe schaffen wir es, unsere Fracht aus dem Zug zu hieven (mein Gott, ist das alles schwer) und rollen es mit fester Hand und leichtem Herzen zu unserem Hotel in Bahnhofsnähe. Die erste Etappe ist geschafft.
Die letzten drei Male hatten wir immer in einem Lokal in der Nähe des Bahnhofs gegessen, das hat dieses Jahr Betriebsruhe bis Anfang Januar und so disponieren wir um und spazieren zu einem anderen Restaurant.
Nichts bleibt, wie es ist, man kann die Reise nicht immer auf die gleiche Art und Weise absolvieren, das werden wir am nächsten Tag in Rom feststellen, wo unser Abendbrotplatz nicht mehr existiert und sich in ein schnödes Café verwandelt hat, und das geht in Siracusa weiter, wo zwei Läden, die wir gelegentlich frequentierten, nicht mehr aufhaben und/oder renoviert werden.
Nach der üblichen mehr als unruhigen Nacht machen wir uns schon weit vor Sonnenaufgang auf den Weg zum Bahnhof, wo wir uns mit Butterbrezeln eindecken, und dann geht es auch schon pünktlich los.
Über Trento geht es nach Bologna, dann weiter nach Rom und um Viertel nach Acht abends sitzen wir im Nachtzug nach Siracusa.
Alles störungsfrei, alles ohne Verspätung, wir haben wenig geschlafen unterwegs und hoffen nun auf eine halbwegs geruhsame Nacht. Die Kabine, die wir dieses Jahr als Cabina „Doppia Intera Relax“ beziehen, ist noch kleiner als die im Vorjahr. Sonst gab es immer noch einen Sessel in dem man aus dem Fenster schauen konnte, den hat man weggespart. Immerhin, die beiden Koffer haben noch rein gepasst, und so hocken wir auf dem unteren Bett und bewundern andere Passagiere, die zu viert das Kabinchen beziehen.

Diese Umstände lassen mich ein weiteres Mal darüber nachdenken, ob wir für den Rückweg nicht das Flugzeug nehmen sollten. Es gab bei der Vorbereitung auf die Reise bereits mehrere Indikatoren dafür, das ernsthaft in Betracht zu ziehen. Wahrscheinlich auch wegen der Feiertage war die Zugreise insgesamt doppelt so teuer, wie ein Flug ins Glück von Düsseldorf nach Catania. 3 Stunden Flugzeit, nochmal drei Stunden vorweg mit Einchecken und Warten am Flughafen und plus zwei Stunden für die Fahrt von Catania nach Siracusa mit dem Überlandbus. Acht Stunden Reisezeit mit dem Flieger gegen 46 Stunden, inklusive Übernachtung mit dem Zug. Persönliche Befindlichkeit gegen Umweltschutz. Wie seht ihr das? Was würdet ihr machen?
Wir plaudern noch ein Stündchen, gönnen uns den Nachttrunk, bestehend aus einem Glas Rotwein und dann schlummern wir tatsächlich fast sechs Stunden, bevor das Verladen des Zuges auf die Fähre beginnt und nach einer kurzen Überfahrt sind wir auf der Insel unserer Träume. Was bleibt als unbedingtes Glück ist immer: Die Sonne in Taormina Giardini über dem Meereshorizont aufgehen zu sehen und auf der anderen Seite den ersten Blick auf den Aetna zu erhaschen. Daran kann ich mich nicht satt sehen, das löst in mir ein Gefühl von Nachhause kommen aus.

Zehn Minuten vor der geplanten Ankunftszeit erreichen wir Siracusa. Als wir vor dem Bahnhof in der Sonne stehen und auf unsere Vermieterin warten, schaue ich Kolja lächelnd an und sage: „Wir sind wirklich da.“




Kommentare