Ein Wochende als Glücksbringer und Haus-Aufgaben
- maikebuchholz
- 7. Jan.
- 3 Min. Lesezeit

Kolja und ich haben eine neue Rolle für uns gefunden: Seit diesem Wochenende sind wir inoffizielle Glücksbringer des hiesigen Fußballvereines Calcio Siracusa 1924. Wir schauen seit Beginn unserer Workation-Zeit die Fußballspiele, zuerst noch in der vierten Liga, seit dieser Spielzeit jetzt in der sogenannten Seria C.
Die Saison ist heuer nicht gut gestartet, die Elf war überfordert durch den Aufstieg, man dümpelt so kurz vor den Abstiegsplätzen. An diesem Wochenende drohte weiteres Ungemach: der aktuell Tabellendritte wurde erwartet, Kolja sprach düster davon, dass eine Klatsche zu erwarten sei. Ich versuchte mich in Zweckoptimismus. Aber dann kam jedoch alles ganz anders. Wir erlebten ein mitreißendes Spiel, Siracusa deutlich überlegen und ein unerwartetes 3:1 - die Italiener feierten während des Spiels mit Gesängen, Flüchen über verpasste Chancen und Freudenrufen als die Tore fielen. Nach dem Abpfiff sahen wir uns an und kamen überein, dass wir damit eine neue Tradition begründet haben: Sind wir bei den Heimspielen dabei, wird Siracusa Calcio gewinnen – Dank ihrer deutschen Tifosi. Bei Gelegenheit werde ich Käsehändler Fabio darüber informieren, er ist auch glühender Anhänger und schaut sich die Spiele auf der Tribünen -Seite der Ultras von der „Curva Anna“ an. Wir werden weiter in seinem Ansehen steigen, da bin ich mir sicher…...
Ansonsten bot das Wochenende nichts Aufregendes, eher beschauliches und wiederholtes: Flohmarkt, wo wir wie im letzten Jahr den Tassenvorrat aufgestockt haben. Die Gefäße aus dem letzten Jahr sind verschwunden. Das Wetter war so gut, Sonne und an die 18 Grad, dass wir ausgiebige Spaziergänge ans Meer, nach Ortigia und zu Lieblingsorten gemacht haben. Abends konnte ich im Spiegel sehen, dass mein Gesicht die Winterblässe mit einer gesunden Frühlingsfrische getauscht hat.

Die Ruhe und Entspanntheit, die wir genießen, ist nötig. Wie bereits in den vergangenen Jahren sind die Nächte und angefüllt mit intensiven Träumen, da werde ich aufgefordert, zum Arzt zu schwimmen, der auf einer Insel wohnt, unterwegs merke ich jedoch, dass ich gegen die Strömung schwimme und es praktisch unmöglich ist, an das andere Ufer zu gelangen. Enttäuscht und erleichtert zugleich kehre ich um und werde von einer großen Welle wie zurückgespült.
Als ich erwache, sinne ich lange darüber nach, ob das die Absage an meinen, wenn auch noch fernen Wunsch ist, eines Tages vielleicht hier zu leben. Wer weiß, vielleicht ist es nur noch nicht der richtige Zeitpunkt.
Und dann gibt es Tage, an denen ich eine Unruhe in mir spüre und mein Blutdruck, der sich sonst erfreulich normal verhält, in die Höhe schnellt und ebenfalls mitteilt, dass irgendwas im Gange ist. Vor einem Jahr habe ich in drei Seminaren viel über das Atmen und verschiedene Atemtechniken gelernt und so nutze ich mein Wissen, um der Unruhe auf den Grund zu gehen. Schon mit den ersten tiefen Atemzügen kommen mir die Tränen und eine halbwegs alte Geschichte in den Sinn. Ich erinnere, dass ich vor gut 10 Jahren mal mit – auf Empfehlung einer lieben Bekannten - einen Feldenkrais-Therapeuten in Düsseldorf aufgesucht habe. Er sollte mir helfen meine Rückenbeschwerden zu lindern, sie im besten Falle hinter mir zu lassen. Wenn man ihn auf Google sucht, findet man Einträge, dort wird er in den höchsten Tönen gelobt, ein Experte, einfühlsam, wissend. Bei uns beiden lief es dagegen überhaupt nicht gut.
Ich war viermal bei ihm und was er mir zeigte und machte, hat tatsächlich geholfen, das war es nicht. Er ließ allerdings auch kein einziges Mal aus, mir einen Vortrag über mein Gewicht zu halten und genauso spürte ich seine Abscheu (nein,nein, ich übertreibe nicht). Eigentlich wollte er mich nicht behandeln und ich hatte weder Worte noch Mittel, die Behandlung direkt abzubrechen und für mich einzustehen. Was dem Schmerz im Rücken vielleicht auch geholfen hätte. Mit dem Atmen kam und ging das Erlebnis noch einmal durch mich durch, ich verabschiedete es, und hoffentlich ist es jetzt als blutdruckerhöhende Erinnerung aus meinem Körper verschwunden.
Und ich bin ganz froh, dass das Haus und das Hiersein mir den Raum für diese Art von Wahrnehmung gibt. Das Leben in Deutschland mit vielen Alltagsgeschichten lenkt zu oft ab von dem, was der Körper mitteilen möchte.
Nach diesem Tag, am Abend war der Blutdruck wieder normal.




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