top of page

Erd-Beben, Besuch und das Glück von Taormina

  • maikebuchholz
  • 18. Jan.
  • 4 Min. Lesezeit
Im antiken Theater von Taormina
Im antiken Theater von Taormina

Jetzt sind wir bereits drei Wochen auf Sizilien, die Zeit vergeht wie im Fluge und der Januar verliert dadurch den Schrecken, den er sonst für mich besitzt – grau, langweilig und unendlich fühlt er sich für mich hier nicht an. Das liegt aber auch daran, dass dieses Jahr viel los ist.

Die ganze Welt scheint sich neu zu sortieren, alte Gewissheiten werden ad acta gelegt und ich weiß kaum, wie ich mich dazu verhalten soll. Dazu passt das Erdbeben von vor einer Woche ganz gut. 5,1 wurden auf der Richterskala gemessen und ich habe es verschlafen. Kurz vor sechs Uhr in der Frühe rüttelte es gewaltig und Kolja hat die 20 Sekunden, die es andauerte, wach erlebt und sich gewundert, was da so wackelt.

Der Besuch ist da - und wir am Freitag Abend im U Carusu bei einer ersten Pizzaverköstigung
Der Besuch ist da - und wir am Freitag Abend im U Carusu bei einer ersten Pizzaverköstigung

Detlef, unser Besuch aus Köln, studierter und interessierter Geologe, hat es auch verpennt und hätte es bestimmt auch gerne bewusst wahrgenommen. Als ich Brot, Käse und Wurst zum Frühstück bei Fabio einkaufen ging, sah ich hier und da bröckelnden Putz auf dem Bürgersteig liegen, das waren die einzigen sichtbaren Anzeichen, dass die Erde gebebt hatte, auch später meldet die siracusanische Presse nichts Dramatisches.

Bei Fabio bediente übrigens ein mir unbekannter junger Mann und er konnte meinen 20-Euro-Schein ob der frühen Morgenstunde noch nicht wechseln. Er zuckte mit den Schultern und meinte, ich könne ja später vorbeikommen und bezahlen. Als ich eine halbe Stunde mit einem Zehner wieder antrat, freute er sich, dass ich tatsächlich noch einmal vorbeigeschaut habe. Anschreiben auf Sizilien geht auch ohne Namen und ohne sich zu kennen.

Osteuropäische Influenzerinnen auf dem Weg zum perfekten Bild - hätte nicht viel gefehlt und sie wären im Wasser gelandet.
Osteuropäische Influenzerinnen auf dem Weg zum perfekten Bild - hätte nicht viel gefehlt und sie wären im Wasser gelandet.

Der Rest des Wochenendes hält uns auf Trab, wir möchten unserem Besuch dies und das und jenes in Siracusa zeigen und er ist ganz gut zu Fuß. 20.000 Schritte später ist mein Pulver verschossen, nach dem abendlichen Restaurantbesuch auf Ortigia streike ich und wir fahren mit dem Taxi nach Hause. Selten habe ich schneller und besser geschlafen als in dieser Nacht.



Detlef ist für eine komplette Woche in Siracusa, seine Wohnung ist unweit der unseren, nett gelegen an dem Platz, wo auch der sonntägliche Flohmarkt stattfindet. Er ist unternehmungslustig und probiert in den Morgenstunden viele der umliegenden Cafés und deren Frühstücksangebote aus. Da gibt es Hörnchen, die mit einer Monatsration an Nutella gefüllt sind, aber auch herzhafte Sachen, wo dann geschmorte Zwiebeln im Spiel sind. Und so komme ich nun endlich dazu, mir den archäologischen Park anzuschauen, den hatte ich bislang ausgelassen – und ich bin überrascht, wie gut er mir gefällt. Natur, Geschichte und ein antikes Theater, wo jedes Jahr alte Tragödien aufgeführt werden. Vielleicht sehen Kolja und ich das irgendwann mal live. Danach spazieren wir noch Richtung Meer und lassen den Blick in die Ferne schweifen.

Blick auf das Meer von Taormina aus
Blick auf das Meer von Taormina aus

Der geheime Höhepunkt der Reise ist für mich die Fahrt nach Taormina, und Kolja und ich sind gespannt, ob es dem weitgereisten Freund gefallen wird. Wir sind zur frühen Mittagszeit angekommen und ich überzeuge die beiden, dass wir sofort ins antike Theater gehen und liege richtig mit der Vermutung, dass zu dieser Zeit noch nicht so viel los sein wird. Wir gucken und sitzen über eine Stunde im weiten Rund und ich frage mich beim atemberaubenden Blick auf Meer und Mama Etna, was mit dieser wunderbaren Welt ist. Die politischen Entwicklungen lassen uns auch hier nicht los: Venezuela, Grönland und insbesondere die Gräuel, die im Iran passieren, belasten mich, belasten uns. Über eine Freundin in Krefeld, die hautnah mit den Ereignissen im Iran zu tun hat, erfahre ich in Ansätzen, was dort los ist. Darf ich mich anhand von so viel Gewalt, noch durch freuen an der Schönheit, die uns hier umgibt? Darf man unbeschwert die Zeit und die Sonne genießen, die uns hier so fein ins Gesicht scheint? Die Antwort darauf: Ich weiß es nicht.

Antikes Theater in Taormina mit Blick auf Mama Etna
Antikes Theater in Taormina mit Blick auf Mama Etna

Als wir die antike Stätte wieder Richtung Stadtzentrum verlassen, hat sich Taormina merklich gefüllt. Ganze Horden von Touristen aus aller Herren Länder ziehen angeführt von Guides mit Schildern in den Händen (Gruppe 9, 10, 11 usw. ) durch die Innenstadt, alles geht zack, zack, kaum nehmen sie sich die Zeit, einfach stehen zu bleiben und zu schauen und zu genießen, schon geht es weiter. Und es bleibt ein Rätsel, wo die alle herkommen.

Wir suchen ein schönes Plätzchen in der Sonne für den Lunch, und nachdem wir in einem Restaurant erfolgreich 15 Minuten von den Kellnern ignoriert worden sind, landen wir in einem Bistro genau in der Mitte der touristischen Laufstrecke. Wir hatten es meiden wollen, da wir dort einen touristischen Neppladen vermuteten, aber wir wurden angenehm überrascht. Das Essen ist italienisch lecker, die Preise nicht überbordend teuer, und die Lage und der Ausblick sind wirklich 1a. Wer nach Taormina kommt, kann dort ruhig Essenspause machen und den Blick auf’s Meer genießen.

Überhaupt: Taormina darf man sich nicht entgehen lassen, wenn man auf der Insel ist. Und genau jetzt ist die richtige Zeit dafür.

 
 
 

Kommentare


bottom of page